Ich will helfen

Lesen Lesen Lesen

Gleichstellung durch die Männerbrille

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht daraus nicht zu verpassen, was andere bei Ihrer Arbeit so treiben. In der Regel heißt dies: lesen, lesen, lesen. Am besten alles. Dazu gehört die Tagespresse genauso, wie eben alles was im Netz zu den Themen: Geschlechtergerechtigkeit, Männerpolitik, Männergesundheit, Gleichberechtigung, Gewalt undsoweiterundsofort auftaucht. Ich lese gern und bin vielfältig interessiert, so dass ich das gerne auch im Tagesgeschäft mache. Wenn Die Zeit titelt mit: Der Kampf um das Geschlecht, die Süddeutsche Zeitung über die Männlichkeit in der Krise berichtet und im Spiegel von Männern als Opfer von häuslicher Gewalt berichtet wird, so freue ich mich erstmal (abseits dessen, was ich von den Inhalten halte) darüber, dass es diese Themen zunehmend in die großen Medien des Landes schaffen und dort als relevant wahrgenommen werden. Dazu landet aber auch weniger leichte Lektüre auf meinem Schreibtisch. Ich stoße auf Fachbücher und Fachartikel und versuche Hinweise zu finden, ob sich die Lektüre lohnt und ob ich auf Inhalte und neue Erkenntnisse treffe, die für meine Arbeit relevant sind. Je nachdem auf was ich stoße, ist dies entsprechend spannend oder eben nicht.

Hochkonzentrierter Büroalltag 😉 Studium der Tagespresse

Lesen kann man erfreulicherweise auch außerhalb des Büros

Manchmal findet eher fragwürdige Lektüre den Weg in meine Hände

Und dann gibt es noch die „Pflichtlektüre“. Definitiv themenrelevante Schriftstücke, verfasst von oder im Auftrag von politischen Entscheidungsträgern oder deren Kooperationspartnern. Hierzu gehören z.B. die Kriminalstatistik (Thema häusliche Gewalt) oder der Väterreport 2016. Zurzeit bin ich mit eben solch einem Dokument beschäftigt. Dem „Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung“. Dokumente dieser Art lesen sich nicht gerade wie ein Harry Potter Roman. 198 Seiten Berichtswesen mit Beschreibung der Ausgangslage, wahrnehmbaren Veränderungen und Vorschlägen für die Zukunft. Trotz der wie erwähnt nicht ganz lustvollen Lektüre, finde ich Dokumente dieser Art höchst aufschlussreich, da sie ein deutliches Bild zeichnen, mit welchen Themenschwerpunkte in Bezug auf Gleichstellung die Bundesregierung beschäftig ist und mit welchen eben nicht. Und auf eben diese möchte ich hier einmal Bezug nehmen (denn die anderen können ja wie gesagt von jedem auf 198 Seiten nachgelesen werden.)

Natürlich müssen wir in Bezug auf Gleichstellung über Männer und Frauen sprechen. Der Gleichstellungsbericht der Bundesregierung mit dem Schwerpunkt „Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten“ macht richtigerweise deutlich, welche strukturellen, politischen und gesellschaftlichen Hürden zu nehmen sind, um es Frauen zu ermöglichen im beruflichen Kontext trotz wirkmächtiger Geschlechtskategorie gleiche Chancen zu haben wie eben die Männer. Mit allen diesen Anliegen solidarisiere ich mich und bewundere gleichzeitig mit wie viel Beharrlichkeit und Engagement dieser Missstand seit Jahrzenten angeprangert wird. Gleichzeitig bin ich davon überzeugt, dass viele dieser Missstände nur verändert werden können, wenn wir den Fokus auch auf die systemrelevanten Missstände legen von denen Männer, bzw. alle Geschlechter betroffen sind.
Wenn angemerkt wird, dass Frauen bis zu 87 Minuten täglich mehr unbezahlte sogenannte Care-Arbeit leisten als Männer, frage ich mich, was nun aus dieser Aussage zu folgern ist. Ist es Ziel, dass wir bald 43,5 Minuten unter Männer und Frauen aufteilen sollten? Ich weiß nicht, ob dieser Vergleicht hakt, aber: Frauen leben in Deutschland 4,8 Jahre länger als Männer. Hier kann ja auch nicht das Ziel sein, die Lebenszeit der Frauen um soweit zu verkürzen, bis es „ausgeglichen“ ist, sondern eben die strukturellen, sozialen und gesellschaftlichen Momente zu identifizieren, die die Kategorie Geschlecht so wirkmächtig machen, dass wir alle, ganz gleich welches Geschlecht wir haben oder uns zuordnen, darunter leiden.
Und natürlich ist es nicht gerecht, wenn Frauen in der Care-Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Zusammenleben beitragen und dafür nicht die entsprechende Wertschätzung erhalten. Aber es wird ja dadurch nicht gerechter, wenn zukünftig Frauen und Männer gleichermaßen die notwendige Wertschätzung für diese Art von Care-Arbeit NICHT erhalten.
Ich frage mich, wann sich die Politik eben der gesamten Palette geschlechtsrelevanter Probleme stellt und mit der gleichen Leidenschaft wie in der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf debattiert, warum 2/3 der Selbstmörder Männer sind, die meisten Obdachlosen Männer sind, die meisten Gefängnisinsassen Männer sind, die meisten Mitglieder in radikalen und gewaltbereiten Gruppen Männer sind, fast jeder Mann in seinem Leben Gewalt erfährt (und sich keine Hilfe holt) und eben fast fünf Jahre früher stirbt.
Beim Mann neigen wir schnell dazu zu bewerten, dass dies eben die Konsequenz individueller (Fehl)Entscheidungen sind, aber der Blick auf die Strukturen, die Männer auf den verschiedenen Ebenen beeinflussen, würde sicher auch Antworten auf andere Fragen innerhalb der Gleichstellungdebatte finden. Und wir würden so sicher auch endlich mehr Männer sensibilisieren können, sich mit diesen Fragen von Männlichkeit auseinanderzusetzen!

1 Kommentar

  1. Der Zusammenhang zwischen individuellen Entscheidungen und strukturellen Hemmnissen bzw. Möglichkeiten gerät generell immer mehr aus dem Blick. Sogar bei den Akteur*innen selbst.
    siehe: Baumgarten Diana, Wehner Nina, Maihofer Andrea, Schwiter Karin (2017) „Wenn Vater, dann will ich Teilzeit arbeiten“ Die Verknüpfungen von Berufs- und Familienvorstellungen bei 30jährigen Männern aus der deutschsprachigen Schweiz. GENDER, Sonderheft 4, 76-91.

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