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Aus aktuellem Anlass

Heute ist Weltfrauentag

Ich bin Feminist. Ich erinnere mich, dass mir das erste Mal in meiner Jugend in den 90er Jahren bewusst wurde, dass es neben den offensichtlichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen auch gesellschaftliche Unterschiede und Ungerechtigkeiten gibt, von denen in erster Linie Frauen betroffen sind. Ich und meine Freunde fanden das damals (wie heute) extrem ungerecht. Ich habe es damals nur bedingt verstanden. Schließlich waren meine Schulfreundinnen und die anderen Mädchen, die ich kannte, allesamt selbstbewusste und starke junge Frauen. Ich war mir sicher, die würden es später mal anders machen und ich würde sie dabei unterstützen. Wir haben immer wieder darüber diskutiert. Hier mussten damals, ganz jugendtypisch, immer wieder unsere Eltern als Vergleichsobjekte herhalten. Wir diskutierten, ob wir heiraten wollten, wo und wie wir leben würden, was wir definitiv anders machen würden als unsere Eltern und was sie vielleicht nicht so schlecht gemacht haben. Erste Freunde und Bekannte outeten sich als schwul oder lesbisch und es war okay. Wir hörten Alanis Morisette, Skunk Anansie, die Cranberries und Fugees. Und wir waren uns sicher, dass wir, Jungen wie Mädchen, ein Teil der Generation sein wollten, die die Geschlechterstereotypen weiter aufweichen wollten und wir waren davon überzeugt, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen haben sollten.
Das ist für mich nun über 20 Jahre her. Und ich würde sagen ich habe seitdem noch mehr Gründe gefunden, um Feminist zu sein als damals. Aber während in den Gesprächen und Diskussion damals oft Einigkeit herrschte, habe ich heute den Eindruck, es ist komplizierter geworden. Woran das liegt, weiß ich selbst nicht so genau.
Als Sozialarbeiter habe ich eher unbewusst einen zumindest für Männer eher untypischen Beruf gewählt. Hier habe ich erlebt, dass Jungen und Männer und Mädchen und Frauen im Kontext von Gleichstellung andere Entwicklungsaufgaben haben. Um Wiederholungen zu vermeiden, könnt Ihr das hier gerne nachlesen.
Privat glaube ich, dass meine Frau und ich, soweit wir das überblicken können, eine gleichberechtigte Beziehung führen. Und wir tun dies nicht in erster Linie, weil wir es für politisch korrekt halten. Das wäre dann eher die Nebenwirkung. Sondern, weil wir erleben, dass es für uns beide Möglichkeiten erweitert und wir beide mehr Zeit und Energie haben, die Dinge zu tun, die uns wichtig sind. Wir erleben aber auch, dass wir uns nicht immer von unseren Geschlechtsrollenzuschreibungen frei machen können.
Gerade im politischen Geschäft, bin ich oft verunsichert, wie ich mich als Mann diesbezüglich verhalten oder nicht verhalten soll. Und ich erwische mich, dass ich mich einerseits gerne zu vielen Themen äußern würde, aber oft Angst habe missverstanden zu werden, Angst, dass meine Worte umgedeutet werden (können) und Angst, mit einer „falschen“ Äußerung, mir und wofür ich stehe zu schaden. Und dass ich selbst ein Mann bin, spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Ich höre an vielen Stellen Doppelbotschaften, die mich sehr verunsichern. So werden Männer einerseits aufgefordert, sich klar zu positionieren, anderseits begegnet man ihnen schnell mit Misstrauen, wenn sie sich als Mann zu einem vermeintlichen Frauenthema positionieren.
„Du bist doch ein Mann, jetzt sag‘ doch, wie Du dazu stehst.“ – „Du bist doch ein Mann, da hast Du jetzt nicht mitzureden“. Ich weiß, dass jedes Frauenthema eben auch ein Männerthema ist (Was viele Männer vielleicht noch nicht wissen) und uns somit ja alle angeht.
Auch sprachlich ist es schwierig geworden, die Übersicht zu behalten. Spreche ich von Frauen und Männern oder Frauen* und Männern*. Wo sollte die Queer-Theorie berücksichtigt werden? Schnell findet sich für jeden Beitrag jemand, der sich ungerecht behandelt sieht oder es werden Sachverhalten unterschiedlich bewertet, abgewertet oder verallgemeinert, wenn sie Männer oder Frauen betreffen.
„Wen genau meinst Du?“, „Was geht Dich als Mann das an“, Du bist doch selbst Teil des Patriarchats“, „Was genau meinst Du mit Männern und Frauen“, „Du arbeitest doch für die katholische Kirche, da weiß man ja, welches Frauenbild Du hast“, „Wieso äußert ihr Euch dazu nicht?“, „Was geht Euch das überhaupt an?“
Natürlich müssen wir über geschlechtsrelevante Themen reden, aber doch bitte „politisch korrekt“, wobei ich mir oft nicht sicher bin, was das denn genau bedeutet. Politisch korrekt für wen? 
Hass schadet der Seele. Und während wir zum Glück weiter leidenschaftlich darum ringen Antworten auf Fragen zur Geschlechtergerechtigkeit, des Zusammenlebens und sinnvollen Regeln für das Miteinander von Männern und Frauen zu finden, sollten wir aufpassen selbst nicht den richtigen Ton, die entsprechende Wertschätzung und den Respekt für unser Gegenüber zu verlieren. Und wir sollten uns den Glauben daran bewahren, dass die allermeisten Menschen den tiefen Wunsch nach einer gerechten Welt teilen. Hass schadet übrigens jeder Seele, ganz gleich, welches Geschlecht sie hat.
Leider spielen wir in einer so aufgeheizten Debatte leicht denen in die Hände, die für die komplexen Inhalte und Beziehungen einfache Lösungen anbieten. Eben nach dem Motto: „Seht ihr wie kompliziert, die das alles machen. Wir sagen es ist ganz einfach: Es gibt Frauen und Männer und ihr wisst doch alle was das bedeutet, früher war das ja auch nicht so kompliziert“.
Mich macht das oft traurig, denn letzten Endes geht es doch um nichts Geringeres als um die Frage, wie wir als Mann/Frau und insbesondere als Menschen miteinander leben wollen. Und darüber müssen wir ALLE reden. Mit Wertschätzung, Geduld, Empathie und dem Wunsch den anderen zu verstehen und sich immer auch selbst zu fragen, was man mit dem Thema zu tun hat.
Ich wünsche mir heute am Weltfrauentag, dass wir nicht müde werden, weiter die Strukturen aufzuzeigen durch die Männer* und Frauen* benachteiligt werden,
Ich wünsche mir weniger Misstrauen und vorschnelle Bewertungen,
Ich wünsche mir mehr Gespräche zwischen Frauen und Männern,
Ich wünsche mir insbesondere viel mehr Männer, die sich bewusst mit ihrer Rolle als Mann auseinandersetzen und mit anderen Männern und Frauen hierüber ins Gespräch kommen
Ich wünsche mir, dass wir nicht dem „anderen Geschlecht“ die Generalverantwortung für die eigene Situation rüberschieben.
Der Weltmännertag ist übrigens am 3. November, hier würde ich mir wünschen, dass Männer so leidenschaftlich wie die Frauen heute darauf aufmerksam machen würden, welche Strukturen für sie von Nachteil sind und welche Beitrage sie für das Ziel der Geschlechtergerechtigkeit für wichtig halten
Ich kann mich nicht zu einer Bewertung durchringen, ob es heute insgesamt besser oder schlechter ist als vor 20 Jahren. Die Bundeskanzlerin macht heute hier zurecht darauf aufmerksam, was Frauen in den letzten 100 Jahren erreicht haben. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es hilfreich ist, dass sie sich in ihrer Ansprache ausdrücklich nur an die Frauen wendet. Ich bin Feminist und fühle mich deshalb auch einfach mal angesprochen.
(Sollte ich an einer Stelle meines Beitrags zu ungenau, bewertend, abwertend oder politisch unkorrekt gewesen sein, dann ist dies keine Absicht, sondern dann wusste ich es leider nicht besser, sorry.)

2 Kommentare

  1. Seit bald 50 Jahren lehnt das Gros der Feministinnen einen dritten Weg ab: Frauen und Männer kämpfen gemeinsam und auf Augenhöhe für eine geschlechter-gerechtere Welt.
    Gründe dafür gibt es viele: Der Mann ist grundsetzlich der Nutznießer des Patriarchats und deshalb der Feind. Wir Frauen wollen unsere Kraft und unseren Erfolg spüren. Hass ist zuweilen bequemer als empathisches Miteinander. Wir kriegen keine Geld für eine gemeinsame Arbeit. Usw. und so fort.
    Dieser Ausschluss der Männer von Seiten der bewegten Frauen gibt es übrigens in dieser Weise nur in Deutschland. Wäre mal eine Studie wert!
    Im Grund müsste eine gemeinsame Säule aufgebaut werden, neben der frauenbewegten und der männerbewegten. Aber die wird nicht finanziert. Bei den bestehenden Frauen- und Männerarbeiten haben zumeist die Frauen kein Interesse an einem gemeinsamen Weg. Und insgesamt ist der Leidensdruck bei denjenigen, für die ein gemeinsamer Kampf sympathischer wäre, nicht groß genug, eine eigene Bewegung auf die Beine zu stellen. Ein Ende dieses unsinnigen und unproduktiven Gegeneinanders ist nicht abzusehen.
    Das meine ich, der nun seit 50 Jahren immer wieder für dieses Thema brennt.

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  2. Lieber Rüdiger,
    vielen Dank für den tollen Text! Er spricht mir in ganz vielen Punkten aus der Seele und es wäre schön, wenn wir Männer! es schaffen könnten, noch viel solidarischer für die Gleichstellung von Männern und Frauen einzustehen, da ich fest davon überzeugt bin, dass das Allen zugute kommen wird.
    Liebe Kollegen des SKM -egal, ob auf orts-, landes- oder Bundesebene.
    Vielen Dank für Euer und Ihr Engagement, sich -ausgehend von der Arbeit für Männer- genau dafür einzusetzen.

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